Kerzen im Wind – Sucht nach Bestätigung

“Offline anzeigen”

Es poppt die Nachricht auf: »Max Mustermann ist online«. Reflexartig wandert der Mauszeiger auf »offline anzeigen« oder schließt den Browser gleich ganz. Ähnliches passiert nicht nur in sozialen Medien. Nein, auch in der Öffentlichkeit schaltet sich der eine oder andere gerne mal auf »unsichtbar«, wenn eine zufällige Begegnung bevorsteht. Einer von vielen möglichen Gründen: »Diese Person ist zwar nett und so, aber nervt tierisch mit ihrem Jammern und Bestätigungsdrang«. Und ja, da entsteht dann oft ein schlechtes Gewissen aber

Wann Menschen uns Energie kosten und wann sie Energie geben, stellt die folgende Kurzgeschichte anschaulich dar:

Kerzen im Wind

Ihr macht Urlaub in einer rustikalen, sehr urigen Hütte ohne Elektrizität. Diese liegt an einem See mitten im Wald. Ihr wolltet wieder in den Kontakt zur Natur treten, abseits der Zivilisation. Draußen ist mittlerweile die Dämmerung eingebrochen. Die Hütte ist ein wenig zugig und hat keinen Kamin. Das perfekte Ambiente, sich in Decken einzukuscheln und ein gutes Buch zu lesen. Euch steht dazu eine gewöhnliche Kerze zur Verfügung. Ihr stellt sie auf den Tisch, damit sie den Raum so gut es geht, ausleuchten kann. Nachdem ihr sie angezündet habt, wendet ihr euch ab, nehmt euer Buch und begebt euch zum Sofa. Kaum habt ihr euch in eine Decke gekuschelt und das Buch aufgeschlagen, bläst ein Windhauch die Kerze wieder aus. Es ist stockdunkel. Ihr schält euch aus eurer Decke und tastet euch zum Tisch vor. Erneut zündet ihr die Kerze an und versucht sie etwas vor dem Wind zu schützen. Nachdem ihr sicher seid, dass es nun gehen sollte, begebt ihr euch abermals zum Sofa. Entspannt schlagt ihr aufs Neue das Buch auf und … es passiert ein weiteres Mal, die Kerze wird ausgeblasen. Frage an euch: Wie oft würdet ihr diese erneut entzünden bis Frust aufkommt? Wann würdet ihr auf Licht verzichten und lieber zu Bett gehen?

Stellt euch nun vor, es klopfte an der Türe. Ihr öffnet und eine Klischee-Hexe gäbe euch eine andere Kerze. Ihr nehmt sie verwundert entgegen und die Hexe verschwindet wieder im Wald. Ihr stellt nun die neue Kerze auf den Tisch. Sie sieht merkwürdig, um nicht zu sagen ziemlich hässlich aus. Das grüne Wachs scheint aus dutzenden anderen Kerzen zusammengegossen zu sein und bildet eine Form, gleich einen Maulwurfshügel. Zudem riecht das kalte Wachs eigenartig modrig. Der Kerzendocht setzt alldem die Krone auf, denn er erinnert irgendwie an einen Rattenschwanz. Ihr beschließt dieses seltsame Ding auszuprobieren, was kann da schon schiefgehen …? Doch kaum, als ihr zum Feuerzeug greift, entzündet sich der Docht wie von Geisterhand. Die Flamme ist nicht nur hell genug, um den ganzen Raum auszuleuchten, sondern verströmt auch eine wohlige Wärme. Selbst nach Stunden, Tagen, bis zum Ende eures Urlaubs brennt diese Kerze unentwegt weiter, ohne je von euch angezündet werden zu müssen. Noch eine Frage an euch: Welche der beiden Kerzen würdet ihr bevorzugen? Die normale, die ständig ausgeht? Oder die etwas »unorthodoxe«, die scheinbar ewig brennt und dabei Licht und Wärme für den ganzen Raum spendet?

Sag mir das ich toll bin, sonst…

Was hier wie ein nettes Märchen klingt, dem begegnen wir im Alltag regelmäßig. Die Rede ist von Menschen, die beständig im Außen nach Bestätigung suchen. Meistens finden wir sie im unmittelbaren Umfeld, vielleicht im Freundeskreis oder sind selbst davon betroffen. Egal was sie tun, und wenn es das Zusammenbauen eines Regals ist, erklären sie lang und breit, warum sie das besonders toll gemacht haben. Wie anstrengend das war oder warum sie genau dieses Modell gewählt haben. Doch darum geht es hierbei gar nicht. Vielmehr wird versucht, und das gerne mit emotionalem Nachdruck, positiv bestätigt zu werden. Grundsätzlich ist das auch kein Problem, denn wir bestärken sympathische Menschen in der Regel gern. (In diesem Artikel geht es um extremes Verhalten!) Wir mögen wir es überhaupt nicht, dazu genötigt zu werden, weil sich der andere sonst verletzt fühlen könnte.

Wenn sich die Kommunikation aber lediglich darauf beschränkt wird es unangenehm. Beispielsweise ruft diese Person am nächsten Tag an und beschwert sich darüber, wie furchtbar das Leben sei, Ziel: Aufmerksamkeit und Bestätigung. Dann weshalb jemand anders total unfair sei, sie selber aber total richtig gehandelt haben, Ziel: Aufmerksamkeit und Bestätigung. Oder wie genial der eigene Kommentar in den sozialen Medien zum Thema XY sei, Ziel: Aufmerksamkeit und Bestätigung. Dieser Charakter kann uns aufgrund der Gemeinsamkeiten und Interessen noch so sympathisch sein, es entwickelt sich in der Regel eine Vermeidungshaltung in uns. Beispielsweise, dass wir fast reflexartig in diversen Messengern offline gehen, wenn wir sehen, dass sie online ist. Oder man bevorzugt den längeren Weg zum Supermarkt, wenn der Kürzere am Haus des Freundes entlang führt. Denken wir darüber nach, fühlen wir uns in der Regel mies. Wir müssen uns eingestehen, dass dieser Bekannte einfach nur noch nervt. Das perfide daran ist, dass sie (oft unbewusst) mit emotionaler Erpressung arbeiten. Dadurch erhalten sie die Bestätigung, die sie so dringend benötigen am einfachsten. Sie argumentieren geschickt, sodass rein von der Logik kein Widerspruch möglich ist und wenn doch, appellieren sie an unsere Moral. Wenn auch das nicht funktioniert, kommen die Tränendrüsen zum Einsatz. Hilft all das auch nicht, gehen sie zu jemand anderes und »heulen« sich dort aus, wie gemein wir doch sind, auch hier das Ziel: Aufmerksamkeit und Bestätigung.

Dadurch wirken diese Menschen opportunistisch und unzuverlässig. Wie bei der ersten Kerze aus der Kurzgeschichte ist man nur damit beschäftigt, das Licht in ihnen am Brennen zu halten. Eine entspannte Atmosphäre oder Unternehmungen, wo sie nicht instand betüddelt werden müssen, sind da nicht möglich. Leider betrifft dieses Phänomen enorm viele Menschen, stärker oder schwächer ausgeprägt. Und sie meinen es nicht böse und sind sich oft nicht einmal darüber bewusst.

Selbstsicherheit oder Arroganz?

Ihnen gegenüber stehen die grünen Kerzen, die irgendwie seltsam anmuten. Sie scheinen sich selbst am Brennen zu halten und strahlen dabei eine angenehme Atmosphäre von Stärke und Wärme aus. Das sind jene Menschen, mit denen wir häufig wenige Gemeinsamkeiten haben. Sie haben einen seltsamen Kleidergeschmack und interessieren sich für Themen, die an uns spurlos vorbeiziehen. Manche verhalten sich vielleicht auch befremdlich. Diese sind in der Regel einfach etwas freier aufgewachsen und halten sich daher weniger an Normen. Dennoch oder gerade deswegen haben sie etwas, das uns fasziniert. Finden wir eine Aktion von ihnen toll und sagen es dieser Person, kommt nicht selten sinngemäß ein »ich weiß« zurück. Mancher würde sie dann als arrogant bezeichnen, wenngleich auch, wenn man ehrlich ist, ein wenig Neid mitschwingt. Diese Menschen sind in sich derart gefestigt, dass sie Bestätigungen von außen nicht zum Überleben benötigen. Frei nach dem Motto: Bestätigt werden kann nur das, was vorhanden ist. Darauf aufmerksam zu machen, dass der Himmel blau, Feuer heiss und Wasser nass ist, führt zwar zur Resonanz, ist bei gefestigter Wahrnehmung aber redundant.

Und genau das unterscheidet diese beiden Typen. Der eine hat ein Selbstwertgefühl und weiß, wer er ist. Der andere wiederum ist darauf angewiesen, dass andere ihm in regelmäßigen Abständen »erlauben« so zu sein, wie er ist. Folglich sucht er nach entsprechender Bestätigung.

Warum ist das so?

Wie so oft finden sich die Ursachen für dieses Verhalten in der Kindheit wieder. Die Zivilisation setzt vorraus, dass ab einem gewissen Alter ein bestimmter Entwicklungsgrad erreicht ist. Zudem müssen zivilisierte Menschen gewisse Verhaltensregeln beherrschen. Eines davon ist die Autoritätsanerkennung. Ohne diese wäre das aktuelle Schul- und Arbeitssystem nicht umsetzbar. Dementsprechend werden die Eltern mit diesen Anforderungen belastet. Sie haben Sorge dafür zu tragen, dass ihre Kinder diesen und weiteren Normen entsprechen. Und sie meinen es gut, denn es ist im Interesse aller Eltern, dass Ihre Kinder sich später in der Gesellschaft gut zurechtfinden. Naturgemäß benötigen Kinder die Bestätigung von aussen aber nicht zwingend. Sie wissen selbst, was ihnen gefällt oder was sie ablehnen.
Das wird in der Erziehung allerdings zu einem Problem:

Stellt euch vor, das Kind malt mit Filzstiften auf einem Blatt, bis es voll ist. Nun erblickt es die riesige weisse Wohnzimmerwand und erkennt folgerichtig: Mehr Platz, mehr zum Bemalen. Eine Weile später steht es vor einem riesigen Kunstwerk, das über die ganze Wohnzimmerwand reicht und ist unheimlich stolz. Das Kind hat ein Erfolgserlebnis. Kämen nun die Eltern und erklärten, dass das nicht gut sei, was das Kind da gemacht habe, würde das Kind emotional widersprechen. Klar, es steckte schließlich viel Freude und Aufwand darin, diese riesige Fläche zu befüllen. Obendrein sieht die Wand nun »schöner« aus. Die meist unbegründete Aussage, dass die Aktion nicht gut sei, stößt auf erlebte Gegenbeweise. Das Kind kann folglich nicht nachvollziehen, was die Eltern meinen. Viele Eltern sind an dieser Stelle argumentativ überfordert und es würde zu einer Diskussion führen, die das Kind auf inhaltlicher Ebene wahrscheinlich gewinnen würde. Denn dem entgegen steht nur das Schönheits- und Normempfinden der Eltern. Dieser liberale Ansatz passt allerdings weder zum Erziehungsauftrag zur Autoritätsanerkennung noch zur Konfliktlösung.

Dasselbe Schema findet sich beim Zimmeraufräumen, Zähneputzen, Schlafengehen, am Esstisch und so weiter. Also bedient man sich einer »bewährten« Methode zur Konfliktlösung bei Kindern, die man »Erziehung« nennt. Das klingt einfach besser als »Verhaltensbeeinflussung durch Liebesentzug«. Folglich wird das Kind darüber aufgeklärt, dass die Bedürfnisse der Erwachsenen bzw. Autoritätspersonen generell größere Priorität haben, als jene des Kindes, meistens ohne plausible Begründung. Wird dem nicht folgegeleistet, droht Liebesentzug bzw. die Nicht-Anerkennung der Persönlichkeit und Meinung des Kindes. Typische Aussagen aus dieser Erziehungstechnik sind: »Sei doch nicht so«, »wenn du nicht, dann..«, »Solange du deine Beine unter meinem Tisch hast…«, »Ich erwarte von dir, dass…« usw. Nur in Fällen, in denen das Kind tut, was erwartet wird, wird es in seinem Verhalten bestärkt: »Das hast du gut gemacht«, »Du bist ein gutes Kind«, »Mach deine Mama stolz« etc.

Durch die mehrmals tägliche, über Jahre andauernde Konditionierung, wird das natürliche Selbstverständnis (bitte wörtlich nehmen) immer weiter abgebaut. Bis eine ausschließlich auf Fremderwartung gerichtete Verhaltensweise erreicht ist. Menschen, die mehr Liebesentzug bzw. Ablehnung ihrer eigenen Persönlichkeit, Verhaltensweisen und Meinungen erfahren haben, entwickeln eine starke Abhängigkeit nach Bestätigung. Ihr Selbstverständnis ist derart demontiert worden, dass sie darauf angewiesen sind, beständig eine Existenzberechtigung von außen zu erfahren: »Du bist gut, so wie du bist«, »Ich bin deiner Meinung«, »Du hast Recht«. Eine Ablehnung bzw. abweichende Meinung von außen hat für sie einen fatalen Effekt: Sie ist gleichbedeutend mit einem Todesurteil, da sie sich ihre eigene Existenzberechtigung nicht selbst aussprechen »dürfen«. Dementsprechend kämpfen sie erbittert darum, irgendwo doch noch ein Zugeständnis zu erhalten – Notfalls auch über den opportunistischen Weg.

Reflexion

Ihnen aus dem Weg zu gehen, ist für sie also nur ein weiterer Grund, ihren Kampf um ihre Existenzberechtigung noch intensiver auszuleben. Der konstruktive Umgang mit der Sucht nach Bestätigung hilft dagegen nicht nur ihnen, sondern auch einem Selbst. Man wird viel häufiger dazu angehalten, eigene Annahmen zu reflektieren: Folgt etwa auf eine Aktion die Aufforderung zur Bestätigung, sind Gegenfragen effektiv: »Warum findest du das denn gut?«, »Warum war das so anstrengend?«, »Warum ist dir meine Meinung so wichtig?« Sie führen zwangsläufig zur Bildung einer eigenen Einschätzung der Eigenleistung, Ansicht etc. Dadurch denkt der Betroffene darüber nach, wie seine eigene Meinung bezüglich seiner Aktion tatsächlich ist.

Unsere Ansicht kann dann durchaus abweichen, wenn wir betonen, dass wir ggf. andere Erfahrungen gemacht haben. Dies hilft dem Betroffenen, eine Differenzierung zwischen Fremderwartung und eigenem Empfinden zu etablieren. Natürlich ersetzt das keine psychologische Aufarbeitung, ist jedoch ein Anfang. In diesem Sinne: Eigenart, die ewig brennt, ist besser denn Norm, die Licht nicht kennt.

Euer Benny Pamp

2018-11-13T22:14:23+01:00September 8th, 2018|Allgemein, Blogsidebar, Coaching|