Dogmen, Arroganz und “Egoterik”

EGOterik?Die Welt des Grenzwissens: Ein markantes Merkmal darin ist, dass Weltbilder leidenschaftlich diskutiert werden, und die Grenzen zwischen wissenschaftlichem Vorgehen und liebgewonnenen Glaubenssätzen fließend sind. Naturgemäß resultieren daraus häufig Meinungsverschiedenheiten. Dies betrifft oft sogar nur kleine Details von Herangehensweisen, zu denen man unterschiedlicher Meinung sein kann. Leider wird sich oft auf diese Unterschiede konzentriert, und nicht auf die Gemeinsamkeiten, die in der Regel überwiegen.

Ich möchte das am Beispiel von Remote Viewing aufgreifen. Dort (aber nicht nur dort) kam es in der Vergangenheit schon zu besonders würzigen Vorwürfen und Stellungskriegen. Eine Besonderheit ist nämlich, dass Remote Viewing an sich eine der striktesten und nüchternsten Techniken ist, die man im heutigen Grenzwissen-Bereich findet. Da es an sich wenig Raum für zwischenmenschliche Dramen lassen sollte, sind manche Reaktionen umso interessanter. Das gilt sowohl für Reaktionen von außen, als auch innerhalb der Remote Viewer-Szene.

Glaubenssätze trotz Selbsterfahrungsmöglichkeit

GlaubenssystemInnerhalb der Remote Viewer-Szene war besonders vor einigen Jahren noch ein interessantes Phänomen zu beobachten: Zum Teil voll ausgebildete Remote Viewer stritten sich über verschiedenste Weltbild-Fragen, und investierten viel Energie, um ihren Standpunkt zu verteidigen Seien es Fragen zur Gestalt der Erde (gefüllte Erde, hohle Erde, flache Erde…), Meinungen zu Verschwörungstheorien, historischen Ereignissen und Religionen (Stichwort “Verbotene Archäologie“), paranormale Phänomene (z.B. UFOs, Geister, Krypto-Wesen, Kornkreise…) oder einfach nur zwischenmenschliche Unklarheiten, die sich aus der Subjektivität heraus nicht völlig klären lassen. Hierbei setzt nur die Fantasie und das individuelle Sendungsbewusstsein dem Umfang solcher Dispute Grenzen.

Das klingt erstmal absurd, denn wenn Überzeugungen und Weltbild-Fragen soviel Konfliktpotential haben, wäre es doch logisch, einfach mehrere Sessions auf das entsprechende Thema zu machen, um es aufzuklären. Schließlich wissen ausgebildete Remote Viewer ja, dass es funktioniert. Dann würde sich zeigen, welche Streitpartei recht hatte, oder ob gar alle mit ihrer Ansicht daneben lagen. Für die methodische Sauberkeit sollten die Targets möglichst von einer dritten, neutralen Person getasked werden, die sich in den Streitfragen keine Meinung gebildet hat. Noch sicherer fährt man mit unterschiedlichen Taskern, Monitoren und Viewern, falls man z.B. Target-Kontamination fürchtet. Entsprechend erhöht sich natürlich der Aufwand.

Trotz dieser Möglichkeit war jedoch zu beobachten, dass man lieber weiter auf seiner Meinung beharrt, statt sie per Remote Viewing auf die Probe zu stellen. Man besitzt also ein außergewöhnliches Aufklärungswerkzeug, handelt jedoch nach wie vor mit den alten Denkschubladen, die noch aus einer Welt ohne diese Möglichkeit stammen. Eine Welt, wo es wenig Selbsterfahrungwissen und viele Glaubenssätze gab, um die Wirklichkeit übersichtlich einzuteilen. Es zeigt sich also in der Remote Viewer-Szene, wie auch in allen anderen Grenzwissen-Bereichen, dass man nicht automatisch erleuchtet und wertungsfrei ist, nur weil man sich mit solchen Themen beschäftigt. Man “menschelt“ weiter wie gewohnt, wenn man die eigene Denkweise nicht den neuen Möglichkeiten anpasst.

Neue Möglichkeiten vs. Zeitgeist

Der nötige Wandel wird wohl auch nicht schlagartig passieren, da man diese Art des Denkens seit Jahrtausenden gewohnt ist. Denn im informationsarmen Alltag früherer Zeiten (z.B. im Mittelalter) hatte eine solch reduktionistische Rationalität das Überleben gesichert. Für den emotionalen Bedarf (Lebenssinn etc…) mussten dann völlig auf Glaubenssätzen basierende Religionen herhalten, die auch nicht hinterfragt werden durften. Zum einen wohl aus der Befürchtung heraus, in einer grausamen, wenig bewussten Welt auch noch diesen letzten emotionalen Halt zu verlieren, zum anderen natürlich wegen dem Machterhalt gewisser religiöser Institutionen. Letztere machten sich diese Art von Unbewusstheit natürlich zu Nutze.Erleuchtung defekt

Seit wenigen Jahrzehnten haben wir dank rasant entwickelter IT-Technologie und Internet ganz neue Möglichkeiten, von Informationen und auch Desinformationen erschlagen zu werden. Zuvor haben nur vergleichsweise wenige Medienmacher die Informationen für die Massen aufbereitet und herausgegeben. Inzwischen bröckeln jedoch die traditionellen Medien, und Menschen fangen an, ihre eigenen Informationen zu recherchieren und zu verteilen. Das klassische Argument “Wir haben ja nichts gewusst!“ kann also nicht mehr als Rechtfertigung gelten. Denn die Mittel sind da, man muss sie nur kompetent anzuwenden wissen.

Mit diesen neuen und relativ schnell gekommenen Möglichkeiten, muss der menschliche Geist erst einmal umgehen lernen, und ein entsprechendes Differenzierungsvermögen entwickeln. Auch im Grenzwissen-Bereich sorgte die Informationsvernetzung zu einer Explosion im Meinungsaustausch, welchem die selben Probleme zugrunde liegen. Einige schöne Beschreibungen dieser Problematik gab uns Dr. Claudius Kern in der klassischen CROPfm-Sendung “Globale Bildungsmacht als ideologische Droge” aus dem Jahr 2000. Jetzt im Jahre 2018, ist das Angebot an Selbsterfahrungstechniken weitaus bekannter als damals. Doch hindert das alte Denken die Menschen immer noch, es auf professioneller Ebene einzusetzen.

Dogmatische Protokoll-Treue?

Zehn Gebote

Zurück zu unserem Beispielthema, dem Remote Viewing: Man erlebt es oft, gerade bei nicht ausgebildeten Neulingen oder wenig erfahrenen Autodidakten, dass das Protokoll hinterfragt wird. Grundsätzlich ist es gut, etablierte Systeme zu hinterfragen, um eventuelle Fehler und Verbesserungsmöglichkeiten zu finden. Problematisch wird es jedoch, wenn man etwas verändern will, ohne es wirklich verstanden zu haben. So sind in der Remote Viewer-Szene viele solcher unzureichend ausgebildeten Leute auf die Idee gekommen, das bewährte Protokoll abzukürzen, zu modifizieren oder völlig zu verwerfen (sog. “Freestyle”). Verteidigt man daraufhin den bewährten Ablauf, wird das oft als dogmatisch oder unflexibel empfunden.

Sehr beliebt ist es z.B., den I-A-B-Ablauf der Stufe 1 abzukürzen, da er als lästig empfunden wird. Argumentiert wird dabei, dass er sowieso nur “Low Level-Data“ enthält, und deshalb zu vernachlässigen ist. Bei Stufe 1 geht es jedoch nicht darum, schon irgendwelche brauchbaren Daten zu generieren (so gesehen auch nicht bei Stufe 2 und 3), sondern einen vernünftigen Target-Kontakt einzuleiten. Dies geschieht dadurch, dass man in Stufe 1 in einem Wechselspiel den Linienverlauf der Ideogramm-Abschnitte beschreibt und anschließend erste, außersinnliche Eindrücke generiert.

Die Beschreibung des Linienverlaufes kann auf den Neuling wie eine überflüssige Beschäftigungstherapie wirken, hat jedoch einen sehr wichtigen Zweck: Der Vorgang beschäftigt den wertenden Verstand, damit man anschließend unbeeinträchtigt seine ersten, außersinnlichen Eindrücke generieren kann. Dieser Vorgang wechselt sich dabei mehrfach zwischen verstandesmäßigem Beschreiben und außersinnlichem Generieren ab. Zudem wird die Stufe 1 in der Regel auch zweimal durchgeführt. Dabei dient der erste Durchlauf auch als Ablage von überflüssigem Gedankensalat, den man noch aus dem Alltag mitgebracht hat.

Hat man den Vorgang richtig durchgeführt, ist der Verstand beschäftigt, und der Viewer viel weniger anfällig für analytische Überlagerungen bzw. Fantasie-Effekte, die sein Verstand sonst aus den wenigen Rohdaten erzeugen würde. Die Stufen 1-3 dienen also lediglich der Kontaktaufnahme mit dem Target, und dem öffnen des außersinnlichen Kanals, ohne vom wertenden Verstand behindert zu werden. Erst danach, meist ab Mitte der Stufe 4, erhöht sich die Datentiefe deutlich, und analytische Überlagerungen tauchen weitaus seltener auf.

Leider scheint dieses geniale Funktionsprinzip des Remote Viewing-Protokolls vielen Anwendern nicht klar zu sein, bzw. auch nicht in der Ausbildung vermittelt zu werden. Die Stufe 1 abzukürzen ist also ziemlich sinnfrei, und dürfte vor allem bei Neulingen große Probleme verursachen. Sehr erfahrene Viewer machen bei so genannten “Quick & Dirty“-Sessions einen Schnelldurchlauf der ersten Stufen, wissen aber auch um die geringere Datendichte und AUL-Anfälligkeit. Dies ist durch erhöhte, serielle Tätigkeit kompensierbar (z.B. viele Bewegungsanweisungen). Das kann man jedoch von einem Neuling mangels Protokollkenntnis, AUL-Management und fehlendem Timing-Gefühl noch nicht erwarten.

Erfahrene Viewer brauchen übrigens für die doppelte Stufe 1 etwa 10-15 Minuten im Durchschnitt (Abhängig von Schreibgeschwindigkeit). Obgleich eine Sessiondauer von nicht mehr als 60 Minuten empfohlen wird, hat man letztlich (nach Stufe 4) immer noch ca. 30 Minuten Zeit, um sich in der Stufe 6 auszutoben. Und der ordnungsgemäße Ablauf stellt sicher, dass man auch richtig in der Stufe 6 ankommt, ohne mit halboffenen Kanälen und AULs kämpfen zu müssen. Daher lohnt sich diese Mühe letztlich.

Man sieht also: Nicht alles Etablierte ist schlecht, selbst wenn es schon vor über 30 Jahren angewendet wurde. Man muss das Rad nicht immer neu erfinden, wenn sich etwas bewährt hat, und es ist auch keine Dogmatik oder Innovationsfeindlichkeit, wenn eine Technik auf Erfahrungswissen basiert. Aber man sollte natürlich auch offen für Neuerungen sein, was jedoch zugleich voraussetzt, das alte Prinzip durchschaut zu haben. So entwickeln auch wir neue Werkzeuge im Remote Viewing-Protokoll, und halten immer Ausschau, ob irgendwas am Gesamtablauf optimierbar ist.CRV-CollageSelbstverständlich ist das Remote Viewing-Protokoll nicht der Weisheit letzter Schluss. Ich sehe es eher als Hilfskonstrukt, welches perfekt auf die Probleme des aktuellen, menschlichen Geistes in Bezug auf außersinnliche Wahrnehmung zugeschnitten ist. Entwickelt sich der menschliche Geist weiter bzw. wird ganzheitlicher genutzt, dürften auch solche Techniken obsolet werden. Bis dahin bietet das Protokoll jedoch ein genial ausgearbeitetes Werkzeug, um an möglichst ungefilterte, außersinnliche Informationen zu gelangen.

Arroganz, Elitarismus und Neid

Remote Viewer sehen sich manchmal auch von “Nicht-Viewern” mit Vorwürfen von Arroganz und Elitarismus konfrontiert. In einigen Fällen ist das sicherlich sogar gerechtfertigt, denn wie sehr es dort manchmal “menschelt”, habe ich ja weiter oben beschrieben. Häufig scheint es jedoch eher daher zu rühren, dass sich Leute eingeschüchtert fühlen, oder die eigene Instanz bedroht sehen (bezüglich eigenen Techniken, Glaubenssätzen oder medialen Begabungen). In der Grenzwissen- und Esoterikszene frönt man nämlich oft einer bequemen Deutungsunschärfe, die Mängel in der eigenen Herangehensweise überspielen soll bzw. Raum für liebgewonnene Glaubenssätze lässt.

Exemplarisch dafür sind schwurbelige, mit Licht und Liebe durchsetzte Channelings, deren Hauptintention darin zu liegen scheint, so unkonkret wie möglich zu sein (das gilt natürlich nicht für alle Channelings!). Da können Techniken wie Remote Viewing, welches durch seinen strikten Ablauf zuweilen geradezu militärisch wirkt (daher kommt es ja auch), durchaus bedrohlich und “unsensibel” wirken. Aber auch in aggressiveren Gefilden, z.B. in der Prophezeihungsszene, oder bei natürlichen Medien, die sich über ihre Begabung profilieren, kommt es zu feindseligen Reaktionen. So kann man in der Prophezeiungsszene einen fast sicheren Shitstorm erwarten, wenn eigene Remote Viewing-Timelines von den akzeptieren Zukunftsschauungen der alten Propheten abweichen. Selbst wenn letztere sich als sehr unzuverlässig erwiesen haben.

Bananenheld

Dämonisierungen durch natürliche Medien sind auch möglich, wenn man z.B. als Remote Viewer die selben Daten liefert, wie jene, die das Medium durch seine natürliche Begabung erhalten hat. So einen Fall haben wir mal vor Jahren erlebt: Obwohl eine gegenseitige Bestätigung ein Grund zur Freude sein sollte, fühlte sich das Medium leider dermaßen in seiner Position gefährdet, dass wir plötzlich als bösartige, durch militärisches Mind Control beeinflusste Eindringlinge bezeichnet wurden. Eine weitere Zusammenarbeit war damit undenkbar. Da war das Ego wohl größer, als der interdisziplinäre Gedanke. Und es war auch wieder ein gutes Beispiel, dass die Beschäftigung mit Grenzwissen und spirituellen Themen nicht automatisch den Menschen dahinter erhöht.

Fazit

Dieser Artikel kann durchaus als polarisierend, ja vielleicht sogar provozierend aufgefasst werden. Andererseits werden viele Leser die beschriebenen Muster in der Grenzwissen-Szene wiedererkennen, und davon genervt sein. Hier lag der Fokus vor allem auf Remote Viewing, da sich diese Muster dort besonders heftig zu äußern scheinen. In letzter Zeit ist jedoch eine gewisse Harmonisierung innerhalb der Szene zu beobachten, was sicherlich auch der steigenden Anzahl vernünftig ausgebildeter Viewer geschuldet ist.

Selbsterleuchtung

Letztlich geht es jedoch darum zu erkennen, dass man nicht automatisch zum ego-freien, vollbewussten “Lichtmenschen”transformiert wird, nur weil man sich passiv oder aktiv mit Grenzthemen beschäftigt. Wird die innere Bewusstseinsarbeit vernachlässigt, kann man irgendwann nicht aus seiner Haut raus und stagniert. Ganz egal wie viele Seminare man besucht, oder welche spirituellen Künste man beherrscht. Denn Selbsterkenntnis gehört zwingend dazu, wenn man mehr sein will, als die Summe seiner angesammelten Teile.

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